USA beschlagnahmen iranischen Tanker im Arabischen Meer

US-Marines haben am Sonntag im Golf von Oman ein unter iranischer Flagge fahrendes Containerschiff geentert und beschlagnahmt, nachdem der Zerstörer USS Spruance den Maschinenraum mit 5-Zoll-Granaten beschossen hatte. Es war das erste Mal seit Beginn der Blockade gegen den Iran am 28. Februar, dass ein US-Kriegsschiff auf ein Handelsschiff geschossen hat.

Das iranische Schiff „Tousca“ in der Straße von Hormus, Blick vom amphibischen Angriffsschiff „USS Tripoli“ vor Beschuss und Beschlagnahme [Photo: US Central Command]

Die Beschlagnahmung – ein Akt internationaler Piraterie und nach internationalem Recht völlig illegal – markiert eine neue Eskalation im seit 52 Tagen andauernden amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran. Sie erfolgt zwei Tage vor dem geplanten Ablauf eines nominellen Waffenstillstands zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.

Das Schiff, die M/V Touska, war auf dem Weg nach Bandar Abbas. In den sechs Wochen vor der Beschlagnahmung hatte es zweimal in Zhuhai im Süden Chinas angelegt.

In einem Bericht vom Montag identifizierte das Wall Street Journal die Touska als Teil einer Flotte, die von einer Tochtergesellschaft der Islamic Republic of Iran Shipping Lines betrieben wird und „häufig nach China fährt, einem der wichtigsten Unterstützer Teherans“.

Die Touska unterliegt seit 2018 Sanktionen des US-Finanzministeriums. Das US-Militär hat keine Angaben zur Ladung gemacht. Die Durchsuchung des 294 Meter langen Schiffes folgt, nachdem Schlepper es ins Hafenbecken gebracht haben.

Die Beschlagnahmung setzt ein Muster von US-Angriffen auf russische und chinesische Schiffe fort, das mit der amerikanischen Militäraktion gegen Venezuela begann. US-Präsident Donald Trump ordnete am 17. Dezember letzten Jahres eine Blockade der venezolanischen Ölexporte an. Dies ging einher mit einer Reihe von Raketenangriffen auf kleine Boote in der Karibik und im Pazifik, bei denen mindestens 181 Menschen ums Leben kamen und die Human Rights Watch als außergerichtliche Tötungen bezeichnet hat. Seit Dezember hat die US-Marine mindestens 10 Tanker mit venezolanischem Rohöl geentert und beschlagnahmt.

Die unter russischer Flagge fahrende Marinera, ehemals Bella 1, wurde am 7. Januar im Nordatlantik südlich von Island beschlagnahmt, während sie von der russischen Marine, darunter ein U-Boot, eskortiert wurde. Navy SEALs führten die Enterung durch, wurden von Hubschraubern der Spezialeinheiten der US-Armee transportiert und von AC-130J-Kampfhubschraubern sowie P-8-Überwachungsflugzeugen überwacht. Ein von China betriebener Tanker, die M Sophia, wurde im selben Monat in der Karibik aufgebracht. Am 9. Februar kaperte die US-Marine den Tanker Aquila II im Indischen Ozean mit 700.000 Barrel venezolanischem Rohöl, das für China bestimmt war.

Seit dem 28. Februar hat das US-Militär 25 Schiffe vor der Küste des Iran gestoppt und zurückgeschickt. Rund 230 beladene Öltanker sitzen nun im Persischen Golf fest.

„China wurde zum führenden Abnehmer“ von iranischem Öl, nachdem Washington Sanktionen gegen den Sektor verhängt hatte, stellt das Wall Street Journal fest. Und weiter: „Beijing hält sich nicht an die US-Sanktionen, die als einseitig und illegal bezeichnet werden.“ Das russische Außenministerium erklärte letzte Woche, die Vereinigten Staaten „versuchten, die Kontrolle über das iranische Öl im Persischen Golf zu erlangen“.

Der zweiwöchige Waffenstillstand lief am Mittwoch, dem 22. April, um Mitternacht aus. In einem Interview mit Bloomberg News am Montag sagte Trump, es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass er ihn verlängern werde. Am Dienstagabend verlängerte er die Waffenruhe, aber verband dies mit einer erneuten Drohung. Die US-Blockade iranischer Häfen bleibe bestehen, erklärte Trump. Zudem habe er das Militär ‌angewiesen, „bereit und einsatzfähig zu bleiben“.

Zuvor hatte die New York Times aus Islamabad berichtet, dass US-Vizepräsident JD Vance am Dienstag zu einer zweiten Gesprächsrunde in Pakistan eintreffen sollte, begleitet vom Nahost-Gesandten Steve Witkoff und dem hochrangigen Berater Jared Kushner. Iranische Staatsmedien erklärten jedoch, Teheran werde nicht an Gesprächen teilnehmen.

Am Freitag schrieb der iranische Außenminister Abbas Araghchi auf X, dass die Straße von Hormus für die Handelsschifffahrt auf einer Route entlang der iranischen Küste geöffnet sei. Neunzehn Schiffe passierten die Meerenge am Freitag und Samstagmorgen – die ersten Frachttransporte seit Beginn des Krieges vor 51 Tagen.

Am Samstagnachmittag beschossen Kanonenboote der Islamischen Revolutionsgarde zwei unter indischer Flagge fahrende Schiffe, ohne die üblichen Funkwarnungen auszusenden. Am Abend setzte sich die Revolutionsgarde über Araghchi hinweg und verkündete, die Meerenge sei wieder geschlossen.

„Kein Schiff darf sich von seinem Ankerplatz im Persischen Golf und im Arabischen Meer wegbewegen“, hieß es in der Erklärung der Revolutionsgarde. „Das Anlaufen der Straße von Hormus wird als Zusammenarbeit mit dem Feind betrachtet.“

Das indische Außenministerium bestellte den iranischen Botschafter ein. Am Sonntagmorgen stoppte die USS Spruance die Touska.

Innerhalb weniger Stunden hatte US-Präsident Donald Trump auf Truth Social eine Flut von Nachrichten gepostet, in denen er drohte, die zivile Infrastruktur zu zerstören, von der 90 Millionen Iraner abhängig sind. „Die Vereinigten Staaten werden jedes einzelne Kraftwerk und jede einzelne Brücke im Iran ausschalten. SCHLUSS MIT MISTER NICE-GUY!“

In der Sendung Fox News Sunday sagte Trump in einem vorab aufgezeichneten Telefoninterview mit dem Chef-Auslandskorrespondenten Trey Yingst: „Ihr werdet sehen, wie überall im Land Brücken und Kraftwerke in die Luft gehen.“ Und gerichtet an die 90 Millionen Menschen im Iran: „Wenn sie das Abkommen nicht unterzeichnen, wird das ganze Land in die Luft gesprengt.“

In der ABC-News-Sonntags-Talkshow This Week verteidigte der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Michael Waltz, Trumps Drohung. Die Zerstörung ziviler Kraftwerke und Brücken, so sagte er, sei „kein Kriegsverbrechen“. Als Präzedenzfall führte er die strategischen Bombardements der Alliierten im Zweiten Weltkrieg an.

Zum Handelsschluss am Montag stiegen die US-Öl-Futures um etwa 7 Prozent auf 89,61 Dollar pro Barrel; Brent-Rohöl schloss bei knapp 97 Dollar.

Willie Walsh, Generaldirektor der International Air Transport Association, warnte vor einer Verknappung von Flugbenzin, was bis Ende Mai zu Flugausfällen in ganz Europa führen könnte. Goldman Sachs hat für den Fall einer längeren Sperrung der Straße von Hormus einen Brent-Preis von 135 Dollar prognostiziert; Oxford Economics hat einen Höchststand von 190 US-Dollar pro Barrel und einen weltweiten Abschwung modelliert, der in den letzten vier Jahrzehnten nur vom Crash von 2008 und vom Covid-Schock übertroffen wurde.

Al Jazeera beziffert die Zahl der Todesopfer im Iran auf bislang 2.076 Menschen, darunter 240 Frauen und 212 Kinder. Die unabhängige iranische Menschenrechtsbeobachtungsstelle HRANA beziffert die Zahl der Todesopfer auf 3.636.

Der Iranische Rote Halbmond zählt 339 beschädigte Krankenhäuser und Kliniken, 857 beschädigte Schulen und 32 beschädigte Universitäten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass zwischen 600.000 und einer Million iranischer Haushalte – bis zu 3,2 Millionen Menschen – aus ihren Häusern vertrieben wurden. Die iranische Regierung beziffert den finanziellen Schaden auf 270 Milliarden Dollar.

Der am 17. April um Mitternacht unterzeichnete Waffenstillstand im Libanon wurde innerhalb von 48 Stunden gebrochen. Von Al Jazeera zitierte UN-Experten bezeichnen das Vorgehen Israels im Südlibanon als „Domizid“, d.h. eine systematische und großflächige Zerstörung von Wohnraum und ziviler Infrastruktur.

Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz hat die Zerstörung libanesischer Häuser entlang einer 10 Kilometer langen „Gelben Linie“ angeordnet, die durch 55 Dörfer verläuft; den Bewohnern dieser Dörfer wurde die Rückkehr verwehrt. „Wir haben die Arbeit noch nicht beendet“, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

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