Am Vorabend des Verfassungskonvents der amerikanischen Autogewerkschaft UAW hat der US–Kapitalismus seinen ersten Billionär hervorgebracht. Am Freitag, dem 12. Juni, überschritt Elon Musks Vermögen mit dem rekordverdächtigen Börsengang seines Unternehmens SpaceX die Marke von einer Billion Dollar.
Demnächst feiern die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag der Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776. Die obszöne Konzentration von Reichtum in den Händen eines einzigen Mannes, in einem in der Weltgeschichte unvorstellbaren Ausmaß, macht Jeffersons Behauptung, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, zur Farce.
Das Ausmaß von Musks Vermögen ist kaum vorstellbar. Eine Billion sind tausend Milliarden oder eine Million Millionen. Würde man eine Billion-Dollar-Scheine aneinanderreihen, ergäbe dies etwa die Länge von 160 Millionen Kilometer – mehr als die Entfernung zwischen der Erde und der Sonne. Gemessen am Lohn eines Autoarbeiters entspricht eine Billion Dollar 20 Millionen Arbeitsjahren.
Musks Reichtum ist nur ein besonders groteskes Beispiel für die Ausbeutung der Gesellschaft durch eine kapitalistische Oligarchie. Er ist der erste Billionär. Es wird nicht lange dauern, bis andere heutige Megamilliardäre dem Billionen-Dollar-Club beitreten.
Es dürfte kaum nötig sein, darauf hinzuweisen, dass die gegenwärtige Vermögenskonzentration ein Zeichen für ein zutiefst krankes Wirtschaftssystem und eine dysfunktionale Gesellschaft ist. Das Ausmaß der sozialen Ungleichheit in den Vereinigten Staaten ist mit Demokratie unvereinbar. Das Trump-Regime ist nichts Anderes als der politische Ausdruck des Strebens der Oligarchie, ihren Reichtum durch die Errichtung einer faschistischen Polizeistaatsdiktatur zu sichern.
Was hat das mit der Eröffnung des UAW–Verfassungskonvents zu tun? Kurz gesagt: alles. Es ist unmöglich, die Zunahme der sozialen Ungleichheit in den Vereinigten Staaten zu verstehen, ohne die Rolle der United Auto Workers im letzten halben Jahrhundert zu untersuchen.
Die Bürokraten im Solidarity House verfolgten eine Politik, deren vorrangiges Ziel die Unterdrückung jeglichen Widerstands der Arbeiterklasse gegen kapitalistische Ausbeutung und das Profitstreben der Unternehmen war. Ohne jahrzehntelangen Verrat, ein faktisches Streikverbot, die Durchsetzung von Ausverkaufsverträgen und Lohnkürzungen, den Abbau von Sozialleistungen, die Abschaffung der 40-Stunden-Woche, massive Produktivitätssteigerungen und den daraus resultierenden Zusammenbruch des Lebensstandards der Arbeiterklasse wäre die oligarchische Anhäufung von Reichtum nicht möglich gewesen.
Ein entscheidender Wendepunkt war dabei das Jahr 1979. Chrysler stand kurz vor dem Bankrott, und UAW-Präsident Douglas Fraser akzeptierte beispiellose Zugeständnisse – 1980 wurde er dafür mit einem Sitz im Chrysler-Vorstand belohnt. Es war das erste Mal, dass ein Gewerkschaftspräsident im Vorstand eines großen amerikanischen Konzerns saß. Bis 1982 hatte die UAW Chrysler Zugeständnisse im Wert von 1,1 Milliarden Dollar gemacht, Zehntausende von Arbeitsplätzen waren vernichtet worden, und fast 30 Werke wurden geschlossen. Dasselbe Modell wurde darauf bei Ford und GM durchgesetzt.
In einer Reihe von Tarifverträgen in den 1980er Jahren machte sich die UAW das Programm des Korporatismus zu eigen: die Behauptung einer Interessengemeinschaft zwischen Arbeit und Management. In der Praxis bedeutete dies die uneingeschränkte Zusammenarbeit von Gewerkschaftsbürokraten, Führungskräften und dem Staat gegen die Arbeiter. Der Apparat wurde zunehmend durch gemeinsame „Schulungszentrum“-Gelder finanziert, die direkt aus den Unternehmen flossen – die materielle Grundlage der Korruption, die später mehr als ein Dutzend hochrangige UAW-Funktionäre ins Gefängnis brachte.
Die UAW stand damit nicht allein da. Als Reagan 1981 11.000 streikende PATCO-Fluglotsen entließ, weigerte sich die AFL-CIO, auch nur einen Finger zu ihrer Verteidigung zu rühren. Sie isolierte den Streik und ließ zu, dass er niedergeschlagen wurde. Dieser Verrat markierte den Beginn einer Offensive der Konzerne, die die Stahl-, Bergbau-, Fleisch- und Autoindustrie erfasste, wobei die Gewerkschaftsbürokratie auf jeden Angriff mit Zugeständnissen im Namen der „Arbeitsplatzsicherung“ reagierte.
Parallele dazu vollzog sich in der Weltwirtschaft ein Prozess, vor allem die Globalisierung der Produktion und der Zusammenbruch des national regulierten Rahmens des Nachkriegsbooms. Konfrontiert mit der kapitalistischen Globalisierung lehnte die prokapitalistische und nationalistische Bürokratie jede internationale Strategie des Arbeiterkampfes ab und integrierte sich immer direkter in die Unternehmensführung und den Staat.
Die Folgen für die Arbeiter sind verheerend. Die Mitgliederzahl der UAW ist von 1,5 Millionen Ende der 1970er Jahre auf heute etwa 370.000 gesunken. Autoarbeiter machen nur die Hälfte dieser Gesamtzahl aus, da die UAW beitragszahlende Mitglieder in anderen Sektoren, insbesondere an den Universitäten, geworben hat. Diese Beschäftigten sind, wie die akademischen Mitarbeiter in Harvard gerade festgestellt haben, demselben Verrat und denselben antidemokratischen Manövern wie die Autoarbeiter ausgesetzt.
Unter Obama wurden im Jahr 2009 Insolvenzen von GM und Chrysler in voller Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft durchgeführt. Dabei wurden die Löhne für Neueinstellungen halbiert: Ein Zweiklassensystem wurde eingeführt. Der Apparat sicherte die Ausgliederung der Zulieferbetriebe – Delphi von GM und Visteon von Ford – in einen Niedriglohnsektor.
In derselben Zeit stieg die Produktivität sprunghaft an, während die Löhne stagnierten oder sanken. Der reale Spitzenlohn in der Montage liegt heute ungefähr auf dem Niveau von 1978, und die durchschnittlichen Reallöhne in der Autoindustrie sanken allein zwischen 2008 und 2023 um mehr als 19 Prozent. Neueingestellte werden ihrer Renten beraubt, die Gesundheitsversorgung der Rentner in einen Treuhandfonds (VEBA) verlagert, den die Gewerkschaft kontrolliert. Die Lohnkosten sind auf einen winzigen Bruchteil des Fahrzeugpreises gesunken.
Der Mitgliederschwund und der sinkende Lebensstandard der Arbeiter haben die materielle Stellung des Gewerkschaftsapparats nicht geschwächt. Im Gegenteil: Die UAW kontrolliert ein Vermögen von 1,25 Milliarden Dollar. Spitzenfunktionäre, darunter der internationale UAW-Präsident Shawn Fain, verdienen mehr als eine Viertelmillion Dollar pro Jahr. Das Einkommen, die Vergünstigungen und die institutionelle Position des Apparats hängen von der Unterdrückung des Klassenkampfs und der Aufrechterhaltung seiner Partnerschaft mit den Konzernen ab.
Es geht also nicht darum, den Apparat zu reformieren. Drei Jahre unter einem Fain-Vorstand haben dies deutlich gezeigt. Der „Stand-up-Streik“ von 2023 war darauf ausgelegt, dass die Arbeitenden an ihren Arbeitsplätzen blieben, und die durchgesetzten Verträge ebneten den Weg für Massenentlassungen.
Am Vorabend des Parteitags erzielte der Apparat in aller Eile eine vorläufige Vereinbarung, um einen zehntägigen Streik von 1.000 American-Axle-Arbeitenden zu beenden. Zuvor waren Überstunden vereinbart worden, damit das Unternehmen Ersatzteile horten konnte. In Saginaw haben die Kollegen von Nexteer drei von der UAW unterstützte Verträge abgelehnt und mit 86 Prozent für einen Streik gestimmt, und bei Dana haben die Arbeitenden in mehreren Bundesstaaten mit 90 Prozent oder mehr eine Vereinbarung abgelehnt, die die UAW zuvor angenommen hatte.
Fain verdankt außerdem sein Amt nicht den Arbeitenden, sondern einem Apparat, der ihr Wahlrecht unterdrückt. Die von der Regierung erzwungene Direktwahl 2022/23 war ein Betrug: Weniger als 10 Prozent der Mitglieder gaben ihre Stimme ab, und Fain gewann mit nur wenigen hundert Stimmen Vorsprung.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Der sozialistische Kandidat Will Lehman, ein einfacher Mack-Trucks-Arbeiter, hat diese systematische Entrechtung dokumentiert. Er ruft heute die Delegierten dazu auf, ihn auf dem Gewerkschaftstag zu nominieren.
Lehmans Wahlkampf ist der praktische Ausdruck der Alternative, die die Arbeiterklasse benötigt. Er wirft direkt die Frage auf: Wird die Arbeiterklasse auch weiterhin an einen Apparat gefesselt sein, der den ganzen Reichtum an Musk und der Oligarchie zuspielt? Oder wird sie den Weg der unabhängigen Mobilisierung einschlagen?
Unter den Delegierten auf dem Parteitag gibt es einige, die nicht nur nach Posten innerhalb des Apparats streben. Sie sollten die Initiative ergreifen und Lehmans Nominierung sicherstellen! Sie sollten dem Versuch Fains und seines Apparats, die Veranstaltung zur Krönung ihrer eigenen bankrotten Politik zu machen, entgegentreten.
Wie Lehman jedoch in seinem Wahlkampf erklärt, führt der Weg vorwärts nicht über den Apparat, sondern über dessen Abschaffung und die Rückgabe der Macht an die Basis. An jedem Arbeitsplatz müssen unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) unterstützt die Bildung solcher Komitees an jedem Arbeitsplatz, unabhängig vom Gewerkschaftsapparat und von beiden kapitalistischen Parteien, koordiniert über Betriebe, Branchen und Grenzen hinweg.
Diese Komitees müssen zu Hochburgen des Klassenkampfs werden. Sie müssen die Kontrolle der Arbeitenden über das Produktionstempo, die Produktionsstandards, die Einstellungspraxis und die Sicherheit herstellen. Sie müssen das Recht haben, die Produktion anzuhalten, wann immer Leben in Gefahr sind. Kein Arbeiter, keine Arbeiterin sollte jemals wieder so sterben wie Antonio Gaston, Ronald Adams Sr. und Gregory Knopf: zerquetscht in Fabriken inmitten von Tempoverschärfung und Umrüstung, die die Gewerkschaft gebilligt hatte.
Dies macht klar, dass es notwendig ist, die Autokonzerne und die wichtigsten Industriezweige unter demokratischer Kontrolle der Arbeiterklasse zu verstaatlichen, damit die Produktion so organisiert wird, dass sie den gesellschaftlichen Bedürfnissen dient und nicht dem privaten Profit.
Dieser Kampf ist seinem Wesen nach international. Das Erstarken des Klassenkampfs in den Vereinigten Staaten ist Teil einer Bewegung, die sich gerade auf allen Kontinenten ausbreitet: Auf der ganzen Welt sind Arbeitende mit demselben eskalierenden Krieg, derselben Hinwendung zur Diktatur und derselben kapitalistischen Krise konfrontiert. Die Automobil- und Zuliefer-Giganten agieren als globale Konzerne und spielen die Arbeitenden eines Landes gegen die der anderen aus, um die Löhne überall zu drücken. Ihnen kann man nur durch die internationale Einheit der Arbeiterklasse entgegentreten, indem man sich über alle Grenzen hinweg zusammenschließt.
Musks Billionenvermögen ist nur der eklatanteste Ausdruck der Diktatur der Oligarchen. Diese ist nicht durch oberflächliche Flickschusterei zu stoppen. Sie ist nur zu stoppen, wenn die Gesellschaft von Grund auf umgestaltet wird: indem das Wirtschaftsleben aus den Händen der Finanzaristokratie gerissen und auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse und echter Gleichheit neu organisiert wird.
Dies ist die Perspektive des Sozialismus. Seine Verwirklichung erfordert die bewusste Wiederbelebung der großen revolutionären und sozialistischen Traditionen der amerikanischen und internationalen Arbeiterklasse: Traditionen, die die Bürokraten seit Generationen zu begraben versuchen. Wir rufen alle Kolleginnen und Kollegen und alle Arbeitenden überhaupt auf, diesen Kampf aufzunehmen: Baut Aktionskomitees auf und schließt euch dem Kampf für eine sozialistische Zukunft an.
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