Aufrecht, mit festem und entschlossenem Blick, ein letztes Lied auf den Lippen marschieren die Gefangenen in Zweierreihen zum Schießstand von Kaisariani im Osten der griechischen Hauptstadt Athen. Ein Unteroffizier der deutschen Besatzer hält die Szene mit der Kamera fest.
Es sind 200 griechische Widerstandskämpfer, die an diesem ersten Mai 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet werden – überwiegend Mitglieder der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) sowie zwölf Trotzkisten.
Die meisten von ihnen saßen zuvor jahrelang im berüchtigten Festungsgefängnis von Akronafplia auf der Peloponnes-Halbinsel und wurden dann in das von der SS geleitete Konzentrationslager Chaidari im Nordwesten Athens verlegt. Folter, Hunger und Zwangsarbeit gehörten hier zum Alltag. Vom KZ Chaidari wurden sie nun in Militärlastwagen zum Schießstand Kaisariani gebracht.
Am Hinrichtungsort angekommen müssen sie sich in Gruppen von 20 Mann nebeneinander vor einer Mauer aufreihen, Auge in Auge mit den deutschen Schützen. Einige haben kämpferisch die Faust erhoben. Die gesichtslosen Wehrmachtssoldaten, von denen nur schwarze Stiefel, Stahlhelm und Gewehrlauf zu erkennen sind, eröffnen das Feuer auf die wehrlosen Menschen. Zehnmal wiederholt sich das brutale Schauspiel, bis alle 200 Gefangenen getötet sind.
Die hier abgebildeten Fotografien waren bis vor wenigen Monaten völlig unbekannt. Sie gehören zu einer Reihe von 13 Bildern, die Mitte Februar 2026 plötzlich im Internet aufgetaucht sind und das Massaker von Kaisariani erstmals sichtbar und greifbar machen. Es zählt zu den blutigsten und folgenschwersten Verbrechen der NS-Besatzer in Griechenland, das sie nur wenige Monate vor ihrem Rückzug verübten.
Die Fotos sind von herausragender historischer Bedeutung. Sie dokumentieren nicht nur den Ablauf des Massakers von der Ankunft der Gefangenen in Kaisariani bis zu ihrer Hinrichtung, sondern geben den Opfern auch ein Gesicht. Sie zeigen, was bislang nur aus Erzählungen bekannt war: die mutige und selbstbewusste Haltung, mit der diese politischen Gefangenen sogar im Angesicht ihres Todes ihren Widerstand zum Ausdruck brachten. Nach Jahren der Gefangenschaft hatten sie sich bis zuletzt den Kampfgeist bewahrt.
Die Bilder illustrieren nun viele Schilderungen, Gedichte und Lieder, die früher so manchem Historiker als übertriebene Glorifizierung der Kommunisten erschienen sein mögen. Die trotzkistische Zeitung Diethnistis (Internationalist) schrieb am 28. Mai 1944, wenige Wochen nach dem Massaker, über die Haltung der Trotzkisten, die Teil der ersten Gruppe gewesen sein sollen:
Die erste Gruppe mit erhobenen Fäusten, die Köpfe hochhaltend, stolz nach vorne schauend – hin zum Leben, das sie so sehr geehrt hatten – sang die Hymne der Internationale: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde…“. Einer begann auf Deutsch zu den deutschen Soldaten zu sprechen: „Ihr seid auch Sklaven des Kapitals, Brüder. Nieder mit den Kriegen und den Vaterländern der Kapitalisten. Es lebe die 4. Internationale, die die Revolution verwirklichen wird…“ Er kam nicht dazu, zu Ende zu sprechen. Die Maschinengewehre mähten die 20 heroischen Kämpfer der Weltrevolution für den Sozialismus nieder…
Auch die folgenden neun Gruppen, vorwiegend Anhänger und Mitglieder der KKE, seien mutig eine nach der anderen vorgetreten, schreibt der Diethnistis. Sie sangen jedoch die griechische Nationalhymne – im Einklang mit der nationalistischen Orientierung der Widerstandsbewegung unter dem Einfluss ihrer stalinistischen Führung.
Bemerkenswert ist der große Widerhall, den der Fotofund ausgelöst hat. Nicht nur Historiker und Experten meldeten sich zu Wort. Familien erkannten auf den Fotos ihre ermordeten Angehörigen und veröffentlichten Erklärungen, Arbeiter und Studierende teilten auf Social Media und öffentlichen Veranstaltungen ihre Erschütterung und Mitgefühl.
Die Fotografien stammen aus dem Privatbesitz des Unteroffiziers der Wehrmacht Hermann Heuer, die ein belgischer Sammler und Händler gefunden und am 14. Februar auf der Auktionsplattform Ebay zum Verkauf angeboten hatte. Dort entdeckten Mitglieder der Facebook-Gruppe „Greece at WWII Archives“ die Bilder und teilten sie unter ihren Followern, von wo aus sie bald um die Welt gingen. Nachdem Historiker die Fotos geprüft und als echt eingestuft hatten, entbrannte eine Debatte, was mit diesem wichtigen Fund geschehen sollte.
Unter dem Druck der Öffentlichkeit kaufte die griechische Regierung unter der rechten Nea Dimokratia (ND) schließlich für 100.000 Euro die gesamte Sammlung mit 262 Fotos. Kulturministerin Lina Mendoni kündigte an, ein Nationales Fotoarchiv zu gründen und die Sammlung zu digitalisieren. Die Fotografien erhielten den Status eines Denkmals.
Das Massaker von Kaisariani
Das Massaker von Kaisariani war Teil der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten, die Griechenland im Frühjahr 1941 zusammen mit ihren Verbündeten Italien und Bulgarien besetzt hatten. Auf ihrem Eroberungsfeldzug hinterließen sie eine Schneise der Verwüstung. Rund 1.700 griechische Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und ihre Einwohner massakriert, 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki – eine der größten jüdischen Gemeinden Europas – starb in den Gaskammern von Auschwitz.
Schon zu Beginn der Besatzung führten die Nazis eine Quote ein, um die Bevölkerung für Partisanenaktionen kollektiv zu bestrafen: 50 tote Griechen für einen getöteten deutschen Soldaten. Auch das Massaker von Kaisariani rechtfertigen sie als Vergeltungsmaßnahme für die Tötung deutscher Soldaten bei einem Partisanenüberfall. Drei Tage vor der Hinrichtung hatte eine Einheit der „Griechischen Volksbefreiungsarmee“ (ELAS) in der Region Lakonien den deutschen Generalmajor Franz Krech sowie drei Begleiter ermordet. Die ELAS war der bewaffnete Arm der Widerstandsbewegung „Nationale Befreiungsfront“ (EAM), die von der Kommunistischen Partei angeleitet wurde.
Daraufhin veröffentlichten die Besatzer ein Flugblatt, in dem sie als drakonische Vergeltungsmaßnahme anordneten: „Die Erschießung von 200 Kommunisten am 1.5.1944. Die Erschießung aller Männer, denen die deutschen Truppen auf der Straße von Molai nach Sparta außerhalb der Dörfer begegnen. Unter dem Eindruck dieses Verbrechens töteten griechische Freiwillige eigenmächtig 100 weitere Kommunisten.“
Mit den „griechischen Freiwilligen“ sind die sogenannten „Sicherheitsbataillone“ gemeint, antikommunistische griechische Einheiten, die mit der Wehrmacht kollaborierten, zahlreiche Verbrechen verübten und nach dem Krieg im großen Maßstab in die nationale Polizei und Armee integriert wurden.
Wer waren die „200 von Kaisariani“?
Mindestens 620 griechische Widerstandskämpfer sowie 20 italienische und fünf deutsche Antifaschisten wurden während der Besatzungszeit am Schießstand von Kaisariani ermordet. Das Massaker am Maifeiertag von 1944 war die größte Massenhinrichtung in Athen, so der Historiker Menelaos Charalambidis.
Bis heute sind nicht alle Biografien der 200 Opfer vollständig erschlossen, bei manchen sind nur wenige Informationen überliefert. Die meisten von ihnen kamen aus der Arbeiterklasse und waren bereits unter dem diktatorischen Regime von Ioannis Metaxas verhaftet worden, das im August 1936 an die Macht gebracht wurde. Sie hatten in großen Streikbewegungen vor dem Krieg gekämpft und jahrelang im Gefängnis gesessen.
Das Metaxas-Regime übergab im April 1941 etwa 2.000 linke Gefangene an die Nazis, die sie als Geiseln in Haft hielten. Die meisten waren Anhänger und Mitglieder der KKE, einschließlich der gesamten Parteiführung. In Kaisariani wurde das Führungsmitglied Stelios Sklavenas ermordet, der vor dem Krieg eine unrühmliche Rolle in der stalinistischen Volksfrontpolitik gespielt hatte.
Auch das kurze Leben des 35-jährigen Kommunisten Napoleon Soukatzidis endete in Kaisariani. Seine Geschichte wurde in dem griechischen Film Der Übersetzer (2017) verarbeitet. Der Handelsangestellte, der aus Kleinasien stammte und schon 1936 als KKE-Mitglied vom Metaxas-Regime verhaftet worden war, beherrschte fünf Sprachen, darunter auch Deutsch, weshalb die Nazis ihn im KZ als Dolmetscher einsetzten. Als die Hinrichtung bevorstand, bot ihm der Lagerkommandant an, ihn zu verschonen und dafür einen anderen Häftling in den Tod zu schicken. Soukatzidis lehnte ab – und wurde hingerichtet.
Der Lehrer und Trotzkist Giorgos Krokos war schon Anfang der 1930er Jahre wegen „kommunistischer Propaganda“ zu Gefängnishaft verurteilt und auf eine Insel verbannt worden. Ihm gelang 1938 die Flucht nach Athen, doch er wurde kurze Zeit später gefasst und auf Akronafplia inhaftiert.
Als er am 1. Mai 1944 zum Schießstand von Kaisariani transportiert wurde, warf er seinen letzten Abschiedsbrief an seine Familie aus dem Lastwagen: „Ich küsse euch alle. Vom Ort der Hinrichtung. Giorgos Krokos, 1.5.1944, morgens. Zu senden an: Anna K. Plakidi, Kampos, Ikaria.“ Athener Bewohner sammelten die Zettel der Gefangenen am Wegesrand auf und schickten sie an die Angehörigen.
Nach der Entdeckung der Fotos veröffentlichten die Nachfahren von Krokos einen offenen Brief, in dem sie „ehrfürchtig, bewegt und stolz“ die 200 Hingerichteten ehrten, die „mit Würde dem Tod entgegentraten, treu ihren Überzeugungen bis zum Schluss“. Sie forderten, die Fotos dem Museum von Kaisariani zu übergeben und ein Nationales Widerstandsmuseum in Athen einzurichten.
Der 38-jährige Krokos war einer von zwölf Trotzkisten, die in Kaisariani ermordet wurden. Einige von ihnen waren zuvor bedeutende Mitglieder des Archeiomarxismus gewesen – einer spezifischen marxistischen Strömung in Griechenland, die 1930 in die Internationale Linke Opposition aufgenommen wurde, 1934 zerfiel und sich in Teilen mit der trotzkistischen Partei von Pantelis Pouliopoulos vereinigte.
Zu ihnen gehörte zum Beispiel der Schuhmacher Petros Andronis. Er wurde von der griechischen Sonderpolizei acht Tage lang brutal gefoltert, bevor er an die Nazis übergeben wurde. Weitere Archeiomarxisten waren Georgios Papadimitriou, ein Kader in Thessaloniki, der jüdische Arbeiter Anri Perachia und der Schuhmacher Christos Chatzichristos. Der 30-jährige Bäcker Iraklis Mitsis aus der Region Epirus soll laut einem Zeitungsbericht von 1945 vor der Erschießung gerufen haben: „Nieder mit Stalin. Es lebe die Weltrevolution. Es lebe die 4. Internationale“.[1]
Mit der gezielten Hinrichtung politischer Gefangener versuchten die Nazis, ein Exempel an der Widerstandsbewegung zu statuieren, die immer mehr Zulauf bekam. Der brutale Krieg der Besatzer gegen die griechische Zivilbevölkerung hatte den Partisanenkampf nicht eingedämmt – im Gegenteil. Etwa 120.000 Kämpfer schlossen sich der ELAS-Armee an, rund 2 Millionen Menschen unterstützten die EAM.
Die Rolle der griechischen Stalinisten
Die heutige Kommunistische Partei Griechenlands, die aktuell 21 Sitze im Parlament hat, stellt sich in die Tradition der Partisanenbewegung und versucht das Gedenken an das Kaisariani-Massaker politisch zu vereinnahmen. In Artikeln, auf Veranstaltungen und bei einem großen Konzert am Gedenkort hat sie die hingerichteten KKE-Mitglieder als ihre Helden und kommunistischen Patrioten geehrt. 2016 eröffnete sie auch ein Museum über die Geschichte der EAM-Widerstandsbewegung in Kaisariani.
Doch die Führung der KKE verfolgt bis heute ein offen stalinistisches Programm, rechtfertigt den Großen Terror in der Sowjetunion und vertuscht die konterrevolutionäre Rolle, die sie selbst in entscheidenden Momenten der griechischen Geschichte gespielt hat. Tatsächlich trägt sie eine wesentliche politische Mitverantwortung für das tragische Schicksal der heldenhaften Kämpfer und eigenen Mitglieder, die 1944 von den Nazis ermordet wurden.
Ab 1935 verfolgte die KKE die „Volksfront“-Linie der Kommunistischen Internationalen, die europaweit zu Niederlagen der Arbeiterbewegung führte, vor allem in Spanien und Frankreich. Die KKE entwickelte sich damals gerade zu einer Massenpartei und gewann großen Einfluss in den Tabakarbeiterstreiks im Frühjahr 1936. Doch ihre Führung versuchte verzweifelt ein „Volksfront“-Bündnis mit der bürgerlichen Liberalen Partei zu schmieden, statt die Streiks in eine revolutionäre Richtung zu orientieren.
Die Arbeiterklasse zahlte einen hohen Preis. Der König und die griechische Bourgeoisie reagierten auf die Streikbewegung, indem sie den rechten Monarchisten und Ex-Militär Ioannis Metaxas an die Macht brachten. Er errichtete am 4. August 1936 eine Diktatur, verbot umgehend die KKE und andere Arbeiterorganisationen und verschärfte die antikommunistische Verfolgung.
In der Festung Akronafplia
Hunderte Arbeiter, Gewerkschafter, Studenten und Intellektuelle wurden verhaftet und in verschiedenen Gefängnissen bzw. auf abgelegenen Inseln festgehalten. Unter ihnen waren nicht nur die führenden Köpfe der KKE, sondern auch zahlreiche Trotzkisten wie der frühere KKE-Vorsitzende Pantelis Pouliopoulos (1900–1943), der die Linke Opposition gegen die stalinistische Fraktion in der Partei gegründet hatte. Er wurde 1938 unter Metaxas festgenommen und auf Akronafplia inhaftiert, wo er Leo Trotzkis Werk Verratene Revolution übersetzte und intensive Diskussionen mit Mitgefangenen führte, um die trotzkistischen Gruppierungen in einer Partei der Vierten Internationale zu vereinen.
Als die Nazis im Frühjahr 1941 auf Athen vorrückten, war es Pouliopoulos, der einen kollektiven Gefängnisausbruch vorschlug, bevor die Wehrmacht Akronafplia einnehmen würde. Aufgrund des vorherrschenden Chaos waren die Bedingungen für eine Flucht zu dem Zeitpunkt sehr günstig, wie ehemalige Häftlinge sich später erinnerten.
Der Trotzkist Loukas Karliaftis (Kostas Kastritis, 1905–2003), der damals selbst in Akronafplia einsaß und den Krieg überlebte, schrieb rückblickend:
Die Gefängniswärter befanden sich während der Bombardierungen in einem Zustand völliger Panik. Sie suchten Schutz in ihren Bunkern und dachten mehr an ihre Familien als an uns. Niemand wusste, welches Schicksal uns unter den Faschisten erwartete. Während eines Luftangriffs, als die Nazis den Isthmus durchquerten und die Peloponnes einnahmen, saßen wir in unserem Schutzraum. Da, in einem plötzlichen Moment der Stille, hörten wir eine Stimme. Es war Pouliopoulos. Ruhig und bestimmt sprach er:
„Wir müssen hier und jetzt entscheiden, wie wir fliehen werden. Die Wächter sind in furchtbarer Panik und so desorganisiert, dass uns die Flucht sicher gelingen kann. Andernfalls werden sie uns den Nazis ausliefern.“ […]
Der stalinistische Führer Theos weigerte sich nicht nur, unseren Vorschlag überhaupt in Erwägung zu ziehen, sondern griff uns sogar an: „Euer Vorschlag ist eine Provokation. Er soll das Kollektiv in Gefahr bringen.“ Er erklärte uns, der Kommandant habe sein Wort gegeben, uns nicht an die Deutschen auszuliefern, und werde uns freilassen, sobald die Briten abgezogen seien.[2]
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Karliaftis und andere Überlebende waren überzeugt, dass eine Flucht große Chancen auf Erfolg gehabt hätte und die 600 kommunistischen Gefangenen die Wachen hätten entwaffnen können. An Beispielen mangelte es nicht: In den 1930er und 1940er Jahren hatte die KKE zahlreiche große Gefängnisausbrüche erfolgreich durchgeführt.
Die stalinistische Führung, die eine leitende Rolle unter den Gefängnisinsassen hatte, lehnte die Planung eines Ausbruchs jedoch als „Abenteuertum“ ab und hinderte Häftlinge daran, aus Akronafplia zu fliehen. Die KKE-Funktionäre Ioannis Ioannidis, Vasilis Bartziotas und Kostas Theos vertrauten stattdessen auf den Lagerkommandanten, der sein „militärisches Ehrenwort“ gegeben habe, sie freizulassen, wenn die Deutschen die Halbinsel erreichen. Doch dieser habe sein Wort gebrochen, schreibt Bartziotas in seinen Memoiren. „Die Verräter haben keinerlei militärische Ehre“, kommentiert er empört – als ob es auch nur den geringsten Anlass gegeben hätte, einem griechischen Kommandanten zu trauen, der sie im Interesse eines antikommunistischen Regimes gefangen hielt.
Daraufhin hätte sich ihr Komitee der Gefangenen an den britischen Oberbefehlshaber auf der Peloponnes-Halbinsel sowie einen griechischen General gewandt – jedoch vergeblich. Diese Schilderung des stalinistischen Funktionärs wird heute von der KKE-Zeitung Rizospastis zitiert, um zu „belegen“, dass sich die KKE in Akronafplia durchaus um die Befreiung der Gefangenen bemüht habe.[3]
Statt den Vorschlag von Pouliopoulos ernst zu nehmen und gemeinsam einen Gefängnisausbruch zu planen, bettelten die Stalinisten vergeblich bei der griechischen und britischen Bourgeoisie um ihre Freilassung. Darüber hinaus schürten sie Illusionen in die Gnade der Nazis.
Zu diesem Zeitpunkt – April 1941 – bestand noch der Hitler-Stalin-Pakt. Das Abkommen zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion war ein katastrophaler Schlag für die Komintern in ganz Europa. Von 1939 bis 1941 mussten die Kommunistischen Parteien ihre antifaschistische Propaganda und Aktivitäten einstellen. Erst als Hitler im Juni in die Sowjetunion einmarschierte und damit den Pakt brach, änderte die Komintern ihre Taktik. In Griechenland bedeutete das, dass die Widerstandsbewegung EAM erst im September 1941 gegründet wurde, obwohl die Nazis das Land schon fast fünf Monate besetzt hatten.
In Akronafplia löste der Pakt große Verwirrung aus. Die führenden Stalinisten stellten sich hinter die neue Linie und hielten sie für einen klugen Schachzug Stalins, wie sich KKE-Funktionär Ioannidis später selbst erinnerte. Sie behaupteten nun, dass die deutschen Besatzer die Gefangenen von Akronafplia nicht bombardieren und angreifen würden, weil sie Kommunisten seien und auf der Seite des deutschen Bündnispartners Sowjetunion stünden.
Ehemalige Gefangene von Akronafplia verurteilten diese fatale Politik rückblickend in ihren Memoiren. Giannis Manousakas, selbst Mitglied der KKE, prangerte die Unfähigkeit der Parteiführung an, die dafür verantwortlich gewesen sei, dass die Häftlinge nicht fliehen konnten, bevor die Deutschen kamen. „Ioannidis und die anderen Führungsmitglieder wussten genau, dass der Lagerkommandant log. ... Aber diese Lüge des Kommandanten diente ihrer bereits getroffenen Entscheidung, dass wir drin bleiben sollen.“[4]
Die Stalinisten in Akronafplia hatten auf diese Weise die mögliche Rettung Hunderter Gefangener vor den Nazis verhindert – sie selbst hingegen entkamen und überlebten den Krieg. In ihrem Fall ordnete das Politbüro der KKE gut vorbereitete Befreiungsoperationen an. Dutzende ausgewählte Akronafplia-Gefangene, darunter die führenden Stalinisten Theos, Ioannidis und Bartziotas, wurden 1942–43 als echte oder angebliche Tuberkulosekranke in Sanatorien verlegt und konnten von dort mit Unterstützung der Partisanen aus der Haft ausbrechen. Wieder auf freiem Fuß besetzten alle drei Funktionäre Führungspositionen in der Widerstandsbewegung. Ioannidis leitete zusammen mit Giorgis Siantos faktisch die KKE, weil der Generalsekretär Nikos Zachariadis bis Kriegsende im KZ Dachau einsaß.
Die große Mehrheit der einfachen Mitglieder und Trotzkisten blieb hingegen in Gefangenschaft – ihr Tod war besiegelt. Über 100 von ihnen wurden am 6. Juni 1943 in der Massenhinrichtung von Kournovo in der Nähe der Stadt Larissa von italienischen Besatzern erschossen, ebenfalls eine Vergeltungsmaßnahme für eine Sabotageaktion der Partisanen. Unter den Opfern war Pantelis Pouliopoulos, der wichtigste Kopf des griechischen Marxismus.
Ein Jahr später folgte die Ermordung der 200 Gefangenen in Kaisariani.
Die Unterdrückung einer revolutionären Politik
Doch der Terror der Besatzer konnte den Widerstand nicht brechen. Als die Wehrmacht im Herbst 1944 zum Abzug gezwungen war, kontrollierte die Partisanenbewegung fast das ganze Land. Wie in anderen europäischen Ländern eröffnete sich in Griechenland am Kriegsende 1944/45 die Möglichkeit einer revolutionären Entwicklung. Es war die stalinistische Führung der KKE, die verhinderte, dass diese mächtige Bewegung der Massen den Weg der sozialen Revolution einschlug.
Schon seit ihrer Gründung verfolgte die Widerstandsorganisation EAM unter dem Einfluss der KKE kein revolutionäres, sondern ein bürgerlich-nationalistisches Programm. Entsprechend der außenpolitischen Orientierung der Sowjetunion auf das Bündnis mit den Alliierten beschränkte sie ihre Ziele auf nationale Befreiung und Unabhängigkeit.
Obwohl die EAM mit Begriffen wie „griechisches Volk“ und „Verteidigung der Nation“ vor allem an patriotische Gefühle appellierte, zeigten jedoch bereits die ersten Besatzungsmonate den sozialen Charakter des aufkeimenden Widerstands. Die breite Opposition entzündete sich nicht vorrangig an nationalen Erwägungen, sondern an den katastrophalen sozialen Missständen, insbesondere der Versorgungsfrage. Im Frühjahr 1942 organisierten Arbeiter in Athen einen ersten Streik gegen die Besatzer. Bis zum Kriegsende nahm die Radikalisierung gewaltige Ausmaße an, obwohl die EAM-Führung versuchte, revolutionäre Stimmungen und Forderungen in den eigenen Reihen zu unterbinden.
Diejenigen, die für eine revolutionäre Perspektive eintraten – die griechischen Trotzkisten –, wurden nicht nur von den Nazis verfolgt. Die Sicherheitspolizei der KKE, die OPLA (Organisation für die Sicherheit der Volkskämpfer), ermordete 1944/45 etwa 80 Trotzkisten, weil sie die Anpassung der KKE an die bürgerliche Regierung und den griechischen Nationalismus ablehnten und stattdessen für das Programm der sozialistischen Weltrevolution kämpften.
Moskau drängte auf Zusammenarbeit mit den Alliierten und der griechischen Bourgeoisie. 1944 vereinbarte Stalin im Geheimen mit dem britischen Premierminister Churchill, Griechenland der britischen Einflusssphäre zu überlassen. Er lehnte eine Machtübernahme durch die EAM ab – und die KKE-Führung setzte diese Linie um. Nach dem Abzug der Nazis warb sie für Ruhe und Ordnung und trat in die bürgerliche Regierung der „nationalen Einheit“ ein.
Die britischen und griechischen Regierungstruppen zwangen die durch den Krieg mobilisierte Arbeiterklasse gewaltsam in die Knie. Am 3. Dezember 1944 schossen die Soldaten auf friedlich protestierende Arbeiter in Athen – das Blutbad der „Dekemvriana“. Die darauf folgenden Kämpfe endeten im Januar 1945 mit der Entwaffnung der Widerstandsarmee, der die KKE im Varkiza-Abkommen zustimmte. Zwei Jahre später begann der Griechische Bürgerkrieg (1946–1949), der mit der vollständigen Niederlage der KKE endete.
Jahre der antikommunistischen Verfolgung folgten, die bis zum Ende der Militärdiktatur 1974 anhielt. Tausende KKE-Mitglieder und ihre Familien mussten ins Ausland fliehen und verloren ihre Staatsbürgerschaft. Wer einen Kommunisten in der Familie hatte, galt als verdächtig.
Die Angehörigen der 200 Opfer von Kaisariani erhielten keine Gerechtigkeit – im Gegenteil. Die NS-Kriegsverbrecher und ihre Kollaborateure, die in Griechenland gewütet hatten, konnten ungestört Karriere machen. Ihre Gräueltaten verschwanden jahrzehntelang unter einer Decke des Schweigens.
Schluss
Die Entdeckung der Fotos hebt diese einschneidenden historischen Erfahrungen wieder ins Bewusstsein. Der griechische Historiker Antonis Liakos bemerkte in einer Radiosendung des Archivs ASKI, dass die Visualisierung des Massakers eine Verbindung zur Gegenwart ermöglicht – „und zwar in einer schwierigen Epoche, in der Mord und Genozid weitergehen, einer Epoche, in der der Faschismus mit seinen vielen Gesichtern – ob mit dem Trumpismus oder in Form der extremen Rechten in Europa – sein Haupt erhebt“.
Die Bilder erzählen keine Geschichte aus der Ferne, sondern sprechen zu einer Generation, die erneut vor den Schrecken von Krieg und Faschismus steht und nach Wegen des Widerstands sucht. Sie zeigen die aufrechte Haltung der Opfer von Kaisariani. Diese Menschen wussten, was auf sie zukam, und haben sich dennoch nicht gebeugt. Gerade deshalb werfen die Fotos Fragen auf, die über das Massaker selbst hinausgehen: Warum wurden diese mutigen Menschen nicht gerettet, obwohl eine Flucht möglich gewesen wäre? Weshalb wurde die mächtige Bewegung, die sie mit aufgebaut hatten, nach dem Krieg entwaffnet und verraten?
Die Gründe müssen in der verheerenden Rolle des Stalinismus in Griechenland gesucht werden. Was diese Menschen nicht hatten, war eine politische Führung, die für eine revolutionäre Machteroberung der Arbeiterklasse kämpfte. Wenn die heutige KKE das Gedenken an die „200 von Kaisariani“ für sich beansprucht, verschleiert sie, dass sie dieselbe stalinistische Politik fortsetzt, die vor 80 Jahren Zehntausende mutige Widerstandskämpfer in die Niederlage führte.
Biografische Informationen zu den trotzkistischen Opfern finden sich in zeitgenössischen Berichten trotzkistischer Zeitungen, die hier gesammelt sind: https://arxeiomarxistikesmnimes.wordpress.com/martires/.
Loukas Karliaftis, „From Acronauplia to Nezero. Greek Trotskyism From the Unification conference to the Executions“, Teil 2, https://www.marxists.org/history/etol/revhist/backiss/vol3/no3/acrocamp2.html.
Thanasis Lekatis (Mitglied der Geschichtsabteilung des ZK der KKE), „Viografika sto apospasma kai avtoviografies sti laspi“, Rizospastis, 14./15. März 2026.
Giannis Manousakas, Akronafplia (Thrylos kai pragmatikotita), Athen 1978, S. 176.
