One Battle After Another gewinnt die wichtigsten Oscars; Javier Bardem zeigt Mut in einer allgemeinen Atmosphäre von Unruhe und Opposition

Paul Thomas Andersons Film One Battle After Another, der am Sonntagabend bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles als bester Film ausgezeichnet wurde, beginnt mit einer Szene, in der eine Gruppe von linken Aktivisten Immigranten aus einem staatlichen Haftzentrum befreit.

(Von links) Jose Antonio Garcia, Florencia Martin, Leonardo DiCaprio, Cassandra Kulukundis, Regina Hall, Shayna McHale, Teyana Taylor, Michael Bauman, Paul Thomas Anderson, Anthony Carlino, Will Weike, Sara Murphy, Chase Infiniti, Christopher Scarabosio und Andy Jurgensen - Preisträger des Oscar in der Kategorie „Bester Film“ für „One Battle After Another“, Dolby Theatre (Los Angeles), 15. März 2026 [AP Photo/Chris Pizzello]

Anschließend macht sich der Film über einen korrupten und grausamen Offizier lustig, der mit rassistischen Faschisten zusammenarbeitet. Er dramatisiert die brutale Jagd und Hinrichtung von selbsternannten Revolutionären und zeigt eine paramilitärische Operation in einer amerikanischen Stadt im Stil der ICE, die als Drogenbekämpfung gerechtfertigt wird. Die Bilder von Männern, Frauen und Kindern ohne Papiere auf der Flucht vor Repression sind die eindringlichsten und überzeugendsten Momente dieses Films.

Wir schrieben dazu in einer Filmkritik:

In den erschütterndsten und bewegendsten Szenen stellen Anderson und seine Kollegen den derzeitigen Kurs auf Polizeistaatsherrschaft mit großer Genauigkeit dar. Die Brutalität und der faschistische Charakter der Hysterie gegen Immigranten und vor allem die ICE-Razzien werden in dem Film überzeugend zum Ausdruck gebracht.

Dass One Battle After Another am Sonntag mit sechs Oscars ausgezeichnet wurde – in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“, „Bester Nebendarsteller“, „Bester Schnitt“ und „Bestes Casting“ – ist vermutlich das deutlichste Zeichen für die Veränderungen, die sich in der Welt der Kunst vollziehen. Sie sind ein komplexes Abbild wichtiger Veränderungen im allgemeinen Bewusstsein.

Offene Äußerungen politischer Opposition waren bei der Verleihung zwar selten, aber es gab einige diesbezügliche Höhepunkte. Der spanische Schauspieler Javier Bardem, der bei der Preisverleihung für den besten internationalen Spielfilm assistierte, rief vor etwa 20 Millionen Zuschauern in den USA und mehreren hundert Millionen weltweit aus: „Nein zum Krieg. Freiheit für Palästina.“ Darauf brach im Dolby Theatre lauter Beifall aus.

One Battle After Another

Bardem trug einen Anstecker mit der Aufschrift „No a la Guerra [Nein zum Krieg]“. Später erklärte er in einem Interview: „Der Völkermord in Palästina geht noch immer weiter.“ Seit dem sogenannten Waffenstillstand, so Bardem, seien „600 Menschen ermordet worden, die Hälfte davon Kinder“. Er erwähnte auch den neuen „völkerrechtswidrigen Krieg [gegen den Iran]. Diesen Anstecker habe ich schon im Jahr 2003 gegen den Krieg im Irak getragen.“ Er fügte hinzu, die US-Regierung verbreite heute die gleichen Lügen wie 2003 (…) Es geht ums Öl.“

Die Teilnehmer, die den Film Die Stimme von Hind Rajab (Regie: Kaouther Ben Hania) repräsentierten, trugen rote Anstecker mit der Aufschrift „Artists4Ceasefire“. Der Film ist eine fiktionalisierte Darstellung der kaltblütigen Ermordung eines fünfjährigen Mädchens und ihrer Familie durch das israelische Militär im Januar 2024 in Gaza. Der Film war als „bester internationaler Film“ nominiert. Saja Kilani, eine der Darstellerinnen in dem Film, erklärte auf dem roten Teppich gegenüber Associated Press: „Unsere Kämpfe sind miteinander verbunden. Genauso wie unsere Befreiung. Und wir fühlen uns so sehr geehrt, heute Abend hier zu sein.“

Motaz Malhees, ein anderer Schauspieler des Films, schrieb jedoch einige Tage vor der Veranstaltung auf Instagram:

Unser Film Die Stimme von Hind Rajab wurde für einen Oscar nominiert. Ich hatte die Ehre, eine der Hauptrollen in einer Geschichte zu spielen, die die Welt hören muss. Doch ich werde nicht dabei sein. Ich darf als palästinensischer Staatsbürger nicht in die USA einreisen. Das schmerzt. Aber die Wahrheit ist, dass man zwar einen Pass sperren kann, aber man kann eine Stimme nicht zum Schweigen bringen. Ich bin Palästinenser, und ich stehe mit Stolz und Würde da. Meine Gedanken werden an diesem Abend bei Die Stimme von Hind Rajab sein. Viel Glück euch allen. Unsere Geschichte ist stärker als jede Barriere, und sie wird gehört werden.

Letzten Endes verlor dieser wichtige Film gegen den seichten und trivialen Film aus Norwegen, Sentimental Value.

Mr. Nobody Against Putin über einen russischen Lehrer, der sich gegen die Verwandlung seiner Schule in ein Propaganda- und Rekrutierungszentrum für den Krieg wehrt, gewann in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“. Der Film ist wahrscheinlich als Teil des Nato-Kriegskurses gegen Russland gedacht, doch sein Regisseur David Borenstein war in seiner Dankesrede ehrlich genug, gegen die Trump-Regierung zu polemisieren:

Wenn wir uns mitschuldig machen, wenn eine Regierung auf den Straßen unserer Großstädte Menschen ermordet, wenn wir schweigen, wenn Oligarchen die Medien übernehmen und die Art und Weise kontrollieren, wie wir produzieren und konsumieren, stehen wir alle vor einer moralischen Wahl. Aber zum Glück ist selbst ein „Niemand“ stärker als man denkt.

Hinter den Kulissen erklärte Borenstein, Trump gehe bei der Konsolidierung seiner autoritären Herrschaft „viel schneller vor“ als Putin in seinen frühen Jahren.

The Voice of Hind Rajab

Ein verhaltener Anflug von Unruhe und Widerstand durchzogen das Programm. Das sollte nicht überschätzt werden, aber es wäre auch falsch, die Veränderungen in der Stimmung und den Ansichten dieser speziellen sozialen Schicht zu ignorieren. Moderator Conan O'Brien sprach anfangs von „sehr chaotischen und beängstigenden Zeiten“. Er fuhr fort:

Wir würdigen heute Abend nicht nur den Film, sondern die Ideale globaler Kunst, Zusammenarbeit, Geduld, Widerstandsfähigkeit und die heute seltenste Qualität: Optimismus. Also sollten wir bitte die bevorstehenden Tage feiern – nicht weil wir glauben, dass alles in Ordnung wäre, sondern weil wir arbeiten und auf Besseres hoffen.

Die Betonung von Globalismus und Universalität war ein immer wiederkehrendes Motiv und war offenbar aufrichtig gemeint.

O'Brien sprach auch den bedauerlichen Zustand des US-Gesundheitswesens an: „In Hamnet entbindet Shakespeares Frau ihr Kind allein im Wald – oder, wie wir in Amerika sagen: bezahlbare Gesundheitsversorgung.“ Zu der Tatsache, dass erstmals seit 2012 kein Brite als bester Schauspieler oder Schauspielerin nominiert wurde, gab der Moderator den angeblichen Kommentar eines britischen Sprechers weiter: „Ja, aber zumindest verhaften wir unsere Pädophilen.“

Talkshow-Moderator Jimmy Kimmel wurde im Laufe der Zeremonie auf die Bühne geholt und erklärte scherzhaft, er übernehme nun die Moderation. Kimmel ist bekanntlich für Trump und seine Regierung zu einer Art Feindbild geworden. Die prominente Moderator geriet wegen seiner Äußerungen zur Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk ins Visier der faschistischen Rechten und wurde von ABC/Disney suspendiert.

Paul Thomas Anderson beklagte bei der Entgegennahme von drei wichtigen Auszeichnungen die derzeitige Weltlage:

Ich habe diesen Film für meine Kinder geschrieben, um mich für das Chaos zu entschuldigen, das wir in dieser Welt, die wir ihnen übergeben, hinterlassen haben. Aber auch um sie zu ermutigen, hoffentlich die Generation zu werden, die uns etwas gesunden Menschenverstand und Anstand bringen wird.

Generell hat es Anderson vermieden, scharfe politische Schlussfolgerungen aus seinem eigenen künstlerischen Schaffen zu ziehen.

Bei der Preisverleihung wurden auch drei Persönlichkeiten geehrt, die im vergangenen Jahr verstorben sind: Diane Keaton, Robert Redford und Rob Reiner.

Blood & Sinners [Photo: Warner Bros.]

Wir sollten das Ausmaß des bewussten politischen Verständnisses und des Widerstands, das am Sonntagabend gezeigt wurde, nicht unterschätzen, aber wir sollten es ebenso wenig übertreiben.

Die Tatsache, dass Die Stimme von Hind Rajab keinen Oscar erhielt, aber Blood & Sinners, Hamnet und Sentimental Value übermäßig mit Beifall bedacht wurden, ist Ausdruck anhaltender kultureller und politischer Probleme. Die Oscar-Verleihung war alles andere als frei von Selbstgefälligkeit und Eigenlob. Die 11.000 Wähler der Academy sind relativ privilegierte Fachleute, da die Mitgliedschaft oft ein umfangreiches Werk an großen Kinofilmen voraussetzt. Schauspieler sind mit 1.307 Mitgliedern die größte Einzelgruppe, doch auch Vorstände, Marketing- und PR-Leute sowie Produzenten gehören zu den einflussreichsten Gruppen, u.a. sind sie zahlreicher vertreten als Drehbuchautoren und Kameraleute.

Ein Großteil des Hollywood-Milieus ist weiterhin anfällig für Identitätspolitik und oberflächliche, pragmatische Reaktionen auf die tiefgreifenden Probleme der amerikanischen und internationalen Gesellschaft.

Die Mitgliederzahl der Academy hat sich vor kurzem fast verdoppelt, vor allem aufgrund von Rassen- und Gender-Quoten, doch das hat nichts an ihrer sozialen Zusammensetzung geändert.

Auch bei der Preisverleihung war die Identitätspolitik präsent. Blood & Sinners gewann mehrere Oscars, und jedes Mal wies die Betonung von Ethnie oder deren Implikationen in eine rückwärtsgewandte Richtung. Autumn Durald Arkapaw, die als erste Frau den Oscar für die beste Kameraführung erhielt, mag zwar Talent hinter der Kamera haben, doch ihre Rede war erbärmlich. Arkapaw rief „alle Frauen im Saal“ auf, „aufzustehen, weil ich glaube, ohne euch wäre ich nicht hier“.

Ich habe so viel Liebe von allen Frauen während dieser gesamten Kampagne gespürt und so viele Leute kennengelernt, und ich glaube einfach, dass Momente wie dieser wegen euch passieren, und dafür möchte ich euch danken.

Da 65 bis 67 Prozent der Mitglieder der Academy weiterhin Männer sind, hat Arkapaw jedoch sicherlich Tausende ihrer Stimmen erhalten, um den Preis zu gewinnen.

Das Streben von ohnehin schon wohlhabenden Schichten nach Privilegien ist nie attraktiv. Michael B. Jordan aus Blood & Sinners, ein Schauspieler mit begrenztem Talent, und Regisseur Ryan Coogler hinterließen mit ihren Äußerungen ebenfalls größtenteils einen negativen Eindruck. Cooglers Karriere begann mit dem wertvollen Film Fruitvale Station, in dem es um den Mord an Oscar Grant III durch einen Verkehrspolizisten in der Bay Area ging. Seine späteren Arbeiten, in denen Jordan oft mitspielte, bestanden aus Schund: dem Rocky-Spinoff Creed, Black Panther: Wakanda Forever und jetzt Blood & Sinners.

One Battle After Another

Doch die Dynamik der Oscar-Verleihung hat sich gewisserweise in eine positive Richtung entwickelt. Mitte der 2010er Jahre machte die groteske Betonung von Rasse und Gender das Zuschauen bei der Oscar-Verleihung mitunter zur Qual. Die Veranstaltungen schienen von einer aufwändig inszenierten, ekstatischen Feier der Identitätspolitik zur nächsten zu eilen, wobei jede Veranstaltung von einer entsprechenden und zutiefst egoistischen Stimmung dominiert wurde. Zweifellos hat dies eine Rolle beim Rückgang der Fernsehzuschauerzahlen gespielt.

Doch dieses und letztes Jahr war es anders. Es gab natürlich keine Kehrtwende um 180 Grad, doch Reden wie die von Arkapaw, Coogler, Jordan und Jessie Buckley (beste Hauptdarstellerin in Hamnet) sind mittlerweile die Ausnahme. Sie fallen als falsch und rückständig aus dem Rahmen. Viele der Filmschaffenden haben zu Recht größere und dringlichere Anliegen.

Wie soll die Besessenheit mit Rasse und Gender auch irgendetwas bringen in einer Welt, in der alle führenden Regierungen Völkermord unterstützen, oder in einem Land, dessen Präsident sich zum Diktator aufschwingen will, in faschistischer Weise Immigranten unterdrückt, in den Straßen der Großstädte Menschen ermorden lässt und die ganze Bevölkerung in einen katastrophalen Krieg stürzt? Auf ihre eigene, begrenzte und tastende Art und Weise liefert die Oscar-Verleihung Hinweise, in welche Richtung sich das gesellschaftliche Leben entwickelt.

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